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Räterepublik - es geht um die Welt

Dokumentation:  Die Münchner oder Bayerische Räterepublik war nach den sich überschlagenden Ereignissen der Novemberrevolution in Bayern ab dem 7. November 1918 im engeren Sinn die Bezeichnung für die zweite Revolutionsphase in München -- von der offiziellen Ausrufung der Räterepublik am 7. April 1919 bis zu ihrer gewaltsamen Niederschlagung am 2. Mai 1919. Sie gilt als der kurzlebige Versuch, nach Ende des Ersten Weltkriegs einen sozialistischen Staat in Form einer Rätedemokratie in dem aus dem vormaligen Königreich Bayern entstandenen „Freistaat" (der bayerischen Republik) zu schaffen.















Als Kurt Eisner den "Freistaat Bayern" ausrief

Am 21. Februar 1919 wurde der erste bayerische Ministerpräsident Bayerns und Sozialist Kurt Eisner von Anton Graf von Arco auf Valley mit zwei Schüssen in Kopf und Rücken ermordet. Am 21. Februar 2010 jährt sich dieses Datum zum 91. mal. Wer war dieser Mensch Eisner und welche Vorstellungen hatte er für den Freistaat Bayern, der heute vielmehr eine konservative als freiheitliche Prägung aufweist?

Kurt Eisner wurde als Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Emanuel Eisner geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der junge Kurt in Berlin. Er studierte nach seinem Abitur Philosophie und Germanistik. In den 90er Jahren des 19. Jhrd. arbeitete er als Journalist, unter anderem für die Frankfurter Zeitung. Viel ansehen bekam er wegen seiner Kritiken an Nietzsche, nicht nur in literarischen Kreisen.

Zeit seines Lebens war Eisner ein kritischer Geist, was im auch wegen Majestätsbeleidigung eine neun monatige Gefängnisstrafe einbrachte. Nach seiner Entlassung warb die SPD um ihn, der er 1898 auch beitrat. Eisner wurde Redakteur des Zentralorgans „Vorwärts“, kurz nach dem Tod von Wilhelm Liebknecht, Chefredakteur der „Vorwärts“ und einer der Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie. 1900 schrieb er eine ausführliche Biographie über dessen Leben und wirken. 1905 musste Eisner den „Vorwärts“ wegen inhaltlicher Differenzen wieder verlassen. Eisner war ein Anhänger der Revisionismustheorie von Eduard Bernstein, in der der Weg zum Sozialismus über Reformen statt Revolution favorisiert wurde. Dies wurde ihm in der zur damaligen Zeit noch Marxistisch orientierten Redaktion zum Verhängnis.

Eisner zog nach Nürnberg und war von 1907 bis 1910 Chefredakteur der „Fränkischen Tagespost“, bis er erneut - diesmal nach München - umzog. Seinen Umzug von Berlin nach Bayern begründete Eisner später damit, dass hier die Leute viel freiheitlicher gesinnt seien, da ihnen die „preußische Überdisziplin“ nicht bekannt sei.

Ab 1910 arbeitet Eisner bei der Zeitung „Münchner Post“ und publizierte bei verschiedenen Zeitschriften als Schriftsteller, Journalist und Theaterrezensent. Durch diese literarischen Arbeiten verstärke sich sein Kontakt zum damals breiten Münchner Künstler- und Inellektuellenmilieu. Eisner öffnete sich immer mehr undogmatischen-emanzipatorischen Inhalten und zählte zum Umfeld der antibürgerlichen Schwabinger Bohème. Bis 1917 blieb er weiterhin politischer Mitarbeiter der SPD.

Obwohl Eisner zu Beginn des 1. Weltkriegs den Kriegskrediten zunächst noch zustimmte, wurde er ab 1915 zu einem radikalen Pazifisten und erklärten Kriegsgegner und sprach Deutschland die Verantwortung für selbigen zu. Damit stellte er sich gegen die Mehrheit der SPD-Fraktion im Reichstag und bayerischen Landtag. Gemeinsam mit anderen Kriegsgegnern - von Clara Zetkin bis Albert Einstein - wurde er Mitglied im Bund Neues Vaterland, in dem sich Pazifisten mit den unterschiedlichsten politischen Weltanschauungen sammelten.

1917 spaltete sich im Zuge der zunehmenden Widerstandes gegen die Burgfriedenspolitik - auch von Mandatsträgern der SPD - deren Antikriegsflügel als Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) von der Mutterpartei ab. Eisner gehörte zu den führenden Begründern in Bayern, seit 1917 war er USPD-Vorsitzender in München.

Im Verlauf der vom Kieler Matrosenaufstandes ausgehenden reichsweiten Novemberrevolution zum Ende des Ersten Weltkrieges war Eisner der führende Kopf der revolutionären Umwälzungen in Bayern, die München noch vor der Reichshauptstadt Berlin erreichten. Eisner führte zusammen mit dem Vertreter des revolutionären Flügels des Bayerischen Bauernbundes, Ludwig Gandorfer, im Anschluss an eine Massenkundgebung auf der Theresienwiese am 7. November 1918 einen stetig größer werdenden Demonstrationszug zuerst zu den Garnisonen Münchens, und dann ins Stadtzentrum an, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen.

In der Nacht zum 8. November 1918 rief er in der ersten Sitzung der Arbeiter und Soldatenräte im die Republik Bayern als Freistaat aus (sinngemäß "frei von Monarchie") und erklärte das herrschende Königshaus der Wittelsbacher für abgesetzt. Eisner wurde vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der neuen bayerischen Republik gewählt, und bildete kurz darauf ein Regierungskabinett aus Mitgliedern der SPD und der USPD, in dem er neben seinem Amt des Regierungschefs auch den Posten des Außenminsiters einnahm. Der abgesetzte und entthronte König Ludwig III. musste fliehe, zuerst an den Chiemsee und dann nach Österreich.

In Eisners etwa 100-tägiger Amtszeit als Ministerpräsident Bayerns blieben grundsätzliche revolutionäre Veränderungen aus, er vermochte aber dennoch einige soziale und gesellschaftliche Veränderungen zugunsten der bis dahin eher benachteiligten Bevölkerungsschichten, vor allem der Arbeiter, durchzusetzen: So zum Beispiel die Einführung des Achtsundentages, des Frauenwahlrechts, oder die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht. Gleichwohl verprellte Eisner damit die vorherrschende katholische Kirche und das konservative Bürgertum.

Um die von den den alliierten Siegern postulierte Kriegsschuld des deutschen Reiches (und damit seiner preußischen Führung in der Person des Kaisers) zu beweisen, und dadurch bessere separate Friedensbedingungen für Bayern zu erreichen, gab er die geheimen Gesandtschaftsberichte der bayerischen Regierung an die Alliierten. Damit machte sich Eisner die führenden Militärs, die ihm sowieso argwöhnisch bis ablehnend gegenüber standen, endgültig zum Feind. Auch von vielen reichspatriotisch und nationalistisch gesinnten Bürgern wurde er deswegen als Verräter angesehen.

Vor den bayerischen Landtagswahlen am 12. Januar 1919 schätzte Eisner trotz der zunehmenden Kritik an seinen Maßnahmen die politischen Verhältnisse noch so ein, dass er meinte, die große Mehrheit der bayerischen Bevölkerung stünde hinter ihm und der USPD, wobei er sich allerdings insbesondere in der großen Wählerschicht der Landbevölkerung entscheidend irren sollte. Nachdem die USPD bei den Wahlen mit nur 2,5 Prozent der Stimmen eine erdrutschartige Niederlage hinnehmen musste, sah sich Eisner zum Rücktritt gezwungen.

Die SPD unter dem Vorsitz Erhard Auers kam auf 33 Prozent und die konservative-nationalistische Bayerische Volkspartei (BVP), die zusammen mit rechtsnationalistischen Kreisen eine auf die Person Eisners ausgerichtete antisemitische Diffamierungskampagne gegen die "jüdisch-bolschewistische" Revolution in der Hauptstadt ausgelöst hatte, auf 35 Prozent.

Am 21. Februar 1919 verließ Eisner die Räume des Bayerischen Ministeriums des Äußeren, in denen er letzte Hand an seine Rücktrittsrede gelegt hatte, die er um 10:00 Uhr im neu konstituierten Bayerischen Landtag verlesen wollte. Er wurde begleitet von seinem Sekretär Felix Fechenbach sowie zwei Leibwächtern. Fechenbach hatte aufgrund der feindseligen Stimmung gegen Eisner und verschiedener in den vergangenen Tagen bekanntgewordenen Morddrohungen Eisner dringend geraten, den Weg durch den rückwärtigen Eingang des Hotels Bayerischer Hof zu wählen, was dieser mit der Bemerkung ausschlug: "Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen." Auf dem Weg durch die Promenadestraße (heute Kardinal-Faulhaber-Straße) wurde Eisner von dem völkisch-nationalistischen Studenten (man kann ihn dem Umfeld der rechtsextremen Thule-Gesellschaft zuordnen) und zu dieser Zeit beurlaubten Leutnant im Königlich Bayerischen Infanterie-Leib-Regiment, Anton Graf von Arco auf Valley, aus unmittelbarer Nähe mit zwei Schüssen in Rücken und Kopf erschossen. Eisner war sofort tot.

Aus der Befürchtung heraus, rechtsextreme Kreise könnten einen Putschversuche wagen, wurde von der USPD in München der Generalstreik ausgerufen, bürgerliche Zeitungen wurden verboten und ihre Redaktionen besetzt. Die provisorische Regierungsgewalt übernahm vorübergehend der vom Rätekongress eingesetzte Zentralrat der bayerischen Republik unter dem Vorsitz von Ernst Niekisch (SPD, später USPD), der die politische Handlungsfähigkeit des zunächst führungslos gewordenen Freistaats erhalten sollte.

In der Landeshauptstadt wurde am 7. April 1919 die Münchner Räterepublik ausgerufen, worauf die USPD-Mitglieder aus der Landesregierung austraten. Die Räterepublik war zunächst dominiert von anarchistischen und pazifistischen Intellektuellen, unter ihnen Gustav Landauer, Erich Mühsam und dem Nachfolger Eisners im Vorsitz der USPD,Ernst Toller, - danach von Mitgliedern der KPD wie Eugen Levien, Max Levien oder Rudolf Engelhofer. Auch andere bayerische Städte schlossen sich der Räterepublik an. Nach wenigen Wochen wurde sie von rechtsnationalistischen Freikorps- und Reichswehrverbänden im Dienst der SPD-geführten „Bamberger Landesregierung“ und der ebenfalls SPD-geführten Reichsregierung Anfang Mai 1919 blutig niedergeschlagen.

Nach dem Ende dieser relativ kurzen sozialistischen Periode in der bayerischen Geschichte, die mit Eisners Ministerpräsidentschaft begonnen hatte, entwickelte sich Bayern zu einer konservativ-reaktionären „Ordnunsgzelle“ innerhalb des deutschen Reichs während der Weimarer Republik. In München begann in den 1920er Jahren, begünstigt durch eine nach der Revolution verbreitete antikommunistische und antisemitische Stimmungslage in der Öffentlichkeit, auch der politische Aufstieg Adolf Hitlers und seiner NSDAP.

Am Tatort des Eisner-Attentats, der heute in der umbenannten Kardinal-Faulhaber-Straße liegt, erinnert seit 1989 eine in den Gehsteig eingelassene Reliefplatte an den Mord.

Kurt Eisner wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 26. November 1919 auf dem Münchner Ostfriedhof beigesetzt. Seine Urne wurde 1933 durch Anordnung der Nazis auf den Neuen jüdischen Friedhof, Garchinger Straße 37, verbracht, wo sein Grab mit dem Gustav Landauers zusammengelegt wurde. Landauer war am 2. Mai 1919, etwa zehn Wochen nach Eisner, von Freikorpssoldaten ebenfalls ermordet worden.

Für Interessenten,weiterführende Literratur:

Bernhard Grau: Kurt Eisner: 1867-1919. Eine Biografie. München 2001.

Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Neuauflage München 2002.

Hans Beyer: Die Revolution in Bayern 1918/19. 1988.

Freya Eisner: Kurt Eisner: die Politik des libertären Sozialismus. Frankfurt/Main 1979
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