Zum Hauptinhalt springen

Simone Barrientos

Revolution in Würzburg

© DBT Inga Haar

Kommentar zur aktuellen Ausstellung im Rathaus Würzburg

Geschichte, wie sie sich tatsächlich abgespielt hat, ist immer komplizierter und widersprüchlicher als der Wille zur Erinnerung. So auch beim Thema „Der Übergang von der Monarchie zur Republik im Raum Würzburg 1918/19“. Die unlängst eröffnete Ausstellung im Foyer des Rathauses aber lässt mich ratlos zurück …

Auf die kleineren Mängel will ich gar nicht eingehen. Die Bewegung für die Räterepublik in Bayern war bei weitem nicht nur auf USPD, Kommunisten und Anarchisten beschränkt, wie in der Ausstellung suggeriert wird. In Augsburg, München usw. beteiligten sich daran auch zahlreiche Arbeiter aus der Mehrheits-SPD. Und natürlich auch Arbeiterinnen! In der Ausstellung dominiert und langweilt die alte bürgerlich-konservative Sichtweise: In Würzburg sei die Revolution unblutig verlaufen bis eines Tages ortsfremde Agitatoren aufgetaucht sind und eine blutige Gewaltherrschaft errichtet haben, die dann von mutigen Würzburgern im heldenhaften Straßenkampf beendet wurde. – Zwei Monate später hat die USPD bei der Wahl zum Würzburger Stadtrat ganze 9,5 Prozent der Stimmen geholt. Waren da auch ortsfremde Agitatoren in der Stadt?

Was mich aber wirklich zornig macht, ist die verklärende Darstellung der Freikorps als Vorkämpfer der Demokratie: „Nachdem die Regierung Hoffmann von München nach Bamberg geflohen war und deutlich wurde, dass die regierungstreuen Truppen die Münchner Räterepublik nicht aus eigener Kraft besiegen konnten, rief die Regierung zur Bildung von Volkswehreinheiten und Freikorps auf.“ Welcher Verbrechen sich die Freikorps nach der Niederschlagung der Revolution in München schuldig gemacht haben, ist allgemein bekannt (nur offenbar nicht in Würzburg): Hunderte Zivilisten wurden umgebracht.1 Im Stadelheimer Gefängnishof schossen die Freikorpssoldaten den Arbeiterfrauen („Spartakistinnen“) zuerst in die Geschlechtsteile. In anderen Fällen wurde die Exekution vollzogen, indem die Kugeln zuerst die Beine und dann den Unterleib trafen. Die Mörder ergötzten sich an den Qualen der Sterbenden.2 Dazu aber findet sich in der Ausstellung kein Wort.

Was hat unsere Stadt damit zu tun? Das Würzburger Freikorps traf doch erst am 15. Mai in München ein. „Es übernahm primär Durchsuchungs- und Wachaufgaben.“ Auch bei Razzien wurden Hunderte Arbeiter und Arbeiterinnen misshandelt und verhaftet. Bekannt ist, dass Studenten der nordbayrischen Universitäten Erlangen und Würzburg, allesamt ehemalige Weltkriegsteilnehmer, einen nicht unbedeutenden Kader in der Führung des Freikorps Epp stellten,3 dessen Einheiten u.a. im Gefängnis Stadelheim wüteten. Gustav Landauer wurde von ihnen bestialisch ermordet. Das Freikorps Epp gilt Historikern als eine der wichtigsten Keimzellen der NS-Bewegung in Bayern. Franz Ritter von Epp war später ein bekennender Nationalsozialist und von 1933 bis 1945 Reichsstatthalter in Bayern (und schon in den Jahren 1904 bis 1906 an Massakern an den Herero in Namibia als Kommandeur beteiligt).

Einem großen Teil der Ausstellung fehlt schlicht die geschichtswissenschaftliche Grundlage. Stattdessen wurde auf die Dissertation von Bettina Köttnitz-Porsch („Novemberrevolution und Räteherrschaft 1918/19 in Würzburg“) zurückgegriffen – geschrieben im Jahr 1938 und verteidigt 1983. Unglaublich, dass die Würzburger Universität noch in den Achtzigerjahren ein solches Machwerk angenommen hat! Köttnitz-Porsch hat nach eigenen Angaben Material und Berichte von den Burschenschaften erhalten. Aus naheliegenden Gründen konnten sich 1938 die Anhänger der Räterepublik nicht mehr äußern; es handelt sich also von vornherein um eine einseitige Darstellung, wobei Köttnitz-Porsch aus ihrer Sympathie zum rechten Flügel der Würzburger Burschenschaften keinen Hehl machte. Akteure der Räterepublik wurden von ihr als Geisteskranke denunziert, worauf in der aktuellen Ausstellung glücklicherweise Weise verzichtet wird. Die Darstellung aber des Anton Waibel kann nicht ohne Widerspruch hingenommen werden. Toni Waibel war der geistige Kopf der Räterepublik. Am Vormittag des 7. April 1919 rief er auf dem damaligen Neumünsterplatz, auf dem Dach eines Militärkraftwagens stehend, die Räterepublik aus, die jedoch nur zwei Tage Bestand haben sollte. Eine große Menschenmenge habe sich damals versammelt. Ob der Jubel nun dem Inhalt seiner Rede galt oder seinem Redetalent, können wir heute nicht mehr sagen. Was wir aber sagen können, ist, dass Toni Waibel bei seiner Gefangennahme am 9. April 1919 fast zu Tode geprügelt wurde.4 Den Ausstellungsmacher*innen war das keine Zeile wert. Wohl aber, dass er sich bei seiner Festnahme in einem Schrank aufhielt, wie komisch. Ausfühlich berichtet wird über die Geiselnahme von 16 gutsituierten Bürgern, die des Nachts von den Revolutionären in die Residenz gebracht wurden. Die Gefangennahme der unschuldigen Leute habe die Würzburger dann in ihrer breiten Mehrheit endgültig gegen die Räterepublik aufgebracht. Das mag stimmen. Wofür in der Ausstellung aber offenbar kein Platz mehr ist, ist der Bericht des Würzburger Großkaufmanns Philipp Seißer. Im späteren Prozess sagte er aus, dass er als Geisel vor Ort etliche Bekannte getroffen habe: Hofräte, höhere Offiziere, Magistratsräte und einen Universitätsprofessor. „Die Unterhaltung war eine sehr anregende und fidele“, an der auch die Wachmannschaft rege teilgenommen habe. Am Morgen darauf erhielten die Geiseln der Räterepublik von der Frau des Schlossverwalters ein für damalige Verhältnisse luxuriöses Frühstück. Und wie Seißer (im Übrigen Zeuge der Anklage) vor Gericht zur berichten wusste, habe man sich auch die gereichten Zigarren „sehr gut schmecken lassen“. Guter Wein wurde ebenfalls gereicht, sechs Bocksbeutel. Doch dann gegen Mittag wurde es dem Kommerzienrat zu dumm. Toni Waibel, dem er seine Qualen vortrug, von wegen er stünde kurz vor dem physischen und psychischen Zusammenbruch, dieser „Bolschewist“ schickte ihn kurzerhand nach Hause.5

Wir wollen festhalten: Eine Gewaltandrohung, die nach außen hin verkündet (warum sonst nimmt man Geiseln), aber nachweislich nicht umgesetzt wurde, wird in dieser Ausstellung zum zentralen Ereignis stilisiert, die tatsächliche Gewalt aber, die schwere Misshandlung des Toni Waibel bei seiner Gefangennahme, wird verschwiegen. Mich interessiert auch, woher die Ausstellungsmacher*innen meinen zu wissen, dass Toni Waibel nach dem Ende der Würzburger Räterepublik erst einmal nach München geflohen ist, wo er sich der Roten Armee anschlossen habe. Die Behauptung ist frei erfunden und steht selbst im Widerspruch zur Ausstellung, wo es an anderer Stelle (wie oben erwähnt) heißt, er habe sich im Schrank versteckt. Und die Aussage, dass Waibel nach 1945 wegen „Meinungsdifferenzen“ aus der SED ausgeschlossen wurde, ist ein schlechter Scherz. Zur Information: Der Parteiausschluss des Anton Waibel wurde 1951 u.a. damit begründet, dass er als Häftling im KZ-Dachau unter den Insassen „Hetze gegen den Genossen Stalin“ betrieben habe. Außerdem weigerte sich Waibel in der DDR der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft beizutreten.6 – Eine Haltung, die so gar nicht passen will zum Bild des bolschewistischen Wanderpredigers, der in Würzburg 1919 Station machte.

Als kulturpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag halte ich es mit Heiner Müllers Verständnis von Wirklichkeit, die nicht nur aus unserer Gegenwart besteht, sondern auch aus unseren Wünschen an die Zukunft und eben auch aus unserer Geschichte. Die Toten sind nicht wirklich tot. Sie sind immer noch da. Und wenn die Würzburger Ausstellungsmacher*innen nicht erzählen wollen oder können, was da vor 100 Jahren passiert ist, dann haben sie Schwierigkeiten mit der Wirklichkeit.

Kommentar von Simone Barrientos als pdf

1. Der Heimatforscher Dietrich Grund, Mitglied im Freundeskreis des Hauses der Bayerischen Geschichte, hat die Geschichte der Räterepublik im Umland von München intensiv erforscht. Er rechnet mit 557 Toten.

2. https://www.br.de/themen/bayern/inhalt/geschichte/bayern-revolution-1919-weisser-terror100.html - zuletzt aufgerufen am 1. November 2018. Sowie Erich Mühsam: Räterepublik und Sexuelle Revolution. In: Literaten an der Wand, hrsg. von Hansjörg Viesel, Frankfurt am Main, 1980, S. 200.

3. Ulrich Weber: Würzburg, vom Novemberumsturz zur Räterepublik. In: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst Nr. 25, „Archiv des Historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg“, Bd.96, Würzburg 1973, S. 119.

4. Weber, a.a.O., S. 128.

5. Weber, a.a.O., S. 126.

6. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DY 30/70944.


Sie können die Meldungen dieser Seite auch mittels eines RSS-Feeds abonieren.

www.die-linke-bayern.de/nc/aktuell/presse/feed.rss