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Simone Barrientos

Zum 100. Todestag des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner

Portrait von Kurt Eisner, gemalt von dem Münchner Künstler Wolfram P. Kastner.
Portrait von Kurt Eisner, gemalt von dem Münchner Künstler Wolfram P. Kastner.

„Der Künstler muss als Künstler Anarchist sein.“

Heinrich Mann sagte in seiner Trauerrede, die hundert Tage der Regierung Eisner „haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher.“ Dessen Kabinett, eine Koalition aus Unabhängigen und Mehrheitssozialisten, setzte – früher als auf Reichsebene – das Frauenwahlrecht durch, den Achtstundentag und einen Vorläufer der heutigen Arbeitslosenunterstützung.
Kurt Eisner: ein Intellektueller, Sozialist und vor allem Pazifist. So lange er gelebt hatte, war die Revolution in Bayern unblutig verlaufen. Auf dem Wege zum Landtag, am 21. Februar 1919, wo er seinen Rücktritt bekannt geben wollte, wurde Eisner von dem rechtsradikalen Studenten, dem Reserveleutnant Anton Graf Arco auf Valley hinterrücks erschossen.
Kurt Eisner hat den „Freistaat Bayern“ proklamiert. In der Geschichte steht sein Name für die Trennung von Staat und Kirche, die Abschaffung von Standesprivilegien, für starke Betriebsräte wie auch für die Öffnung der staatlichen Kunstakademien für Frauen. Überhaupt war Kulturpolitik in seiner Amtszeit keine Nebensache …
„Die Kunst kann nur gedeihen in vollkommener Freiheit“, sagte er am 3. Januar 1919 in einer Rede vor dem provisorischen Nationalrat, einem Vorläufer des heutigen Münchner Landtags. Eisner sagte auch: „Der Künstler muss als Künstler Anarchist sein.“ Der Ministerpräsident maß sich kein Urteil an, was Kunst zu sein habe. Sein Anliegen war: Der Künstler sollte nicht die Kunst zur Ware machen unter dem Zwang wirtschaftlicher Existenznotwendigkeit. „Er sollte zum Beispiel nicht die Notwendigkeit haben, sich ewig zu wiederholen, nur um auf den Markt Ware zu werfen.“ Der Staat möge die Kunst fördern, indem er materiellen Bedingungen fördert, unter denen Künstler leben und arbeiten (und Kurt Eisner dachte dabei ganz sicher auch an die Künstlerinnen).

Stellen wir uns vor, dass heute ein bayrischer Ministerpräsident im Parlament über Kunst und Kultur diskutiert! Der Schriftsteller und Journalist Kurt Eisner hat es getan. Leider hat sich an der Aktualität seiner Worte bislang nicht viel geändert: „Wir haben ja bisher in Deutschland die höchst eigentümliche Erscheinung, dass z.B. ein Literaturhistoriker, der an der Universität sitzt, ein reicher und wohl geehrter Mann wird, und seine ganze Tätigkeit beruht auf der Ausschlachtung verhungerter Künstler.“ Mit Blick auf den Kunst- und Literaturbetrieb sprach Eisner von der Umkehrung aller vernünftigen Begriffe: „Der Produzent, der ist der Verachtete, der ist der Paria, der irgendwo in der Tiefe leben kann, der Dichter, der Schriftsteller, der Musiker. Wenn aber ein Professor über diese Leute kommt und sie exzerpiert und einige Bemerkungen dazu macht, ist er eine Leuchte der Wissenschaft, die geschützt werden muss.“ Eisners Kerngedanke: Der Staat sollte doch den Produzenten der Kunst ebenso die Existenz ermöglichen wie all jenen, die an den Universitäten Vorträge über diese Kunst halten.


Als bayerische Linke und als kulturpolitische Sprecherin unserer Bundestagsfraktion sehe ich mich in der Tradition Kurt Eisners. In seinem Geiste wollen wir dafür sorgen, dass sich die prekären Lebensbedingungen von so vielen Künstler*innen wie nur möglich verbessern. Und nicht nur das! Mit den Worten Kurt Eisners gesagt: „Unsere Klassiker haben das Problem gesehen, dass durch die Schönheit die Menschheit zur Freiheit gelangt. Heute ist das Problem, durch die Freiheit zur Schönheit zu gelangen.“

 


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